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Wendepunkt im Berufsleben

 

In Zeiten von Corona: Juristin trifft folgenschwere Entscheidung


Interview mit Mila Z., 45 Jahre, Unternehmensjuristin und Datenschutzbeauftragte


Geboren und aufgewachsen ist die Mittvierzigerin mit Migrationshintergrund in einer deutschen Großstadt. Sie kommt aus kleinen Verhältnissen. Ihre Eltern sind in den 60er Jahren als Gastarbeiter nach Deutschland gekommen und haben sich hier ein neues Leben aufgebaut. Sie wollten, dass ihre Kinder es einmal leichter haben als sie selbst. Mila Z. lernte schon früh, die an sie gestellten Erwartungen zu erfüllen, Verantwortung zu übernehmen und sich durchzubeißen. 

Sie funktionierte, passte sich an, war fleißig, nahm sich selbst zurück, machte es allen recht. Die gewünschten Erfolge stellten sich ein: nach dem Abitur studierte sie Jura, absolvierte ein Referendariat und schaffte den Berufseinstieg in der Wirtschaft. Ihr beruflicher Weg führte sie in ein Großunternehmen mit 3400 Mitarbeitern. Dort war sie in der Rechtsabteilung im Bereich Arbeitsrecht tätig. 

Jahre später beschäftigte sie sich vor dem Hintergrund der DSGVO fast nur noch mit Datenschutz und der notwendigen Umsetzungen im Unternehmen. Die ersten vier Jahre arbeitete sie in Vollzeit, wechselte dann nach der Geburt des ersten Kindes und Elternzeit auf Teilzeit. Nach 14 Jahren in derselben Firma, mitten in der Corona-Pandemie nahm ihr Berufsleben eine ungeplante Wende.











Was ist passiert?


In diesem Umfeld wollte ich seit langer Zeit nicht mehr arbeiten. Leider bedurfte es vieler körperlicher Symptome, um mir das einzugestehen und mich zu trauen, diese Entscheidung zu treffen. Ich war fast 7 Monate arbeitsunfähig und hatte viel mit Migräne und Schwindel zu kämpfen.


Wie kam es zum Arbeitsende? Was sind die Gründe?

Dort zu arbeiten hat mich erstickt. Ich habe mich immer wieder ins Wochenende, in den Urlaub, in die Krankheit geflüchtet. Es brachte jedoch keine Erholung. Ständig war ich erschöpft, voller Angst, wollte den Tag nur durchstehen. Abends war ich kaum in der Lage mit den Kindern zu spielen oder zu sprechen. Als Ackergaul ließ ich mich zu Tode reiten. Abgrenzungsversuche haben nicht gefruchtet. Nach dem ich die Grenze fest gezogen hatte, bin ich selbst drüber getrampelt.

Mein Chefin sagte mal: „Ich habe doch sonst niemanden, du bist der Alleskönner.“ Ich war Leistungsträgerin, sehr stark im Auftritt (auch wenn ich innerlich zweifelte und teilweise auch ängstlich war), gut vorbereitet und argumentierte andere gegen die Wand. Dabei brachte ich nicht viel Geduld oder Verständnis auf. Da ich immer das Beste gab und die höchsten Ansprüche an mich hatte, erwartete ich das auch von anderen.

Jahrelang hat mich meine Chefin zu Höchstleistungen motiviert. Ich wollte die Anerkennung, Respekt, Liebe. Die hatte ich auch hin und wieder, aber zu welchem Preis? Die Atmosphäre in der Rechtsabteilung war vergiftet. Es gab kein Vertrauen untereinander, keinen Teamgedanken, keine Führung, keinen Schutz. Jeder kämpfte ums eigene Überleben. Es gab nur die Beziehung eines jeden Einzelnen zur Chefin. Als Datenschutzbeauftragte war ich direkt der Geschäftsführung unterstellt.

Da wir strukturell sehr schlecht aufgestellt waren und immer nur ad-hoc gehandelt wurde, gab es hier sehr viel zu tun. Datenschutz machte mir in diesem Umfeld keinen Spaß, wurde als Modeerscheinung gesehen, die keiner ernst nahm. Es hat sehr viel Kraft gekostet, dieses Thema in die Köpfe der Leiter zu bringen. Wenn die Geschäftsführung nicht gerade Angst vor einem Bußgeld wegen einer Datenpanne hatte, hat sie sich fast darüber lustig gemacht.

Was mir fehlte, war die Arbeit am/mit Menschen. Ich war die Dienstälteste und entwickelte mich kaum weiter. Das Thema Weiterbildung und Kosten war in den ersten Jahren streng budgetiert und wurde von der Geschäftsleitung als Zeitverschwendung angesehen. Nur mit viel Überredungskunst wurden notwendige juristische Seminare gewährt. Dies änderte sich in den letzten Jahren aufgrund eines Geschäftsführerwechsels.

Innerhalb des Unternehmens gab es für Juristen kaum Aufstiegsmöglichkeiten. Erst in den letzten 2 Jahren gab es mehr juristische Stellenausschreibungen.



Wie waren deine Vorgesetzten?


Mein erster Chef war ein Sparbrötchen. Es ging immer nur darum Mitarbeiter günstig einzustellen, vor allem junge unerfahrene. Ungelernte Kräfte, die ins kalte Wasser geworfen wurden und sich alles selbst beibringen mussten. Die Strukturen waren sehr flach. Zu Beginn gab es kaum Leitungsfunktionen, auch in den großen Abteilungen nicht. Er war allmächtig, alles sollte über ihn laufen.

Dies hat leider dazu geführt, dass das selbständige Denken und eigen-verantwortliche Arbeiten fast eingestellt wurden. Eine bequeme, aber sehr unbefriedigende Art. Seine Vorgehensweise: „Bitte den Sachverhalt rechtlich prüfen, damit ich es am Ende doch anders mache.“ In vielen Themen war er unbelehrbar, wollte angehimmelt werden und duldete kaum Widerworte. Als er sich mit dem zweiten Geschäftsführer zerstritten hatte, entstanden zwei Lager.

Ich stand dazwischen, weil ich mit beiden zusammenarbeiten musste und mich weigerte Position zu beziehen. Es ging mir immer nur um die Sache. Dies und meine Schwangerschaft hat er mir sehr übel genommen. Ich war eine der ersten Teilzeit-Frauen in einer hohen Position und musste mir den anteiligen Lohn, Auto usw. hart erkämpfen. Über das Thema Teilzeit haben wir oft gestritten. Zum Glück bekam ich einige Jahre später eine neue Chefin.

Sie wurde von meinem alten Vorgesetzten vor mir gewarnt, ich sei anstrengend, diskutierfreudig. Ich rechnete ihr hoch an, dass Sie gefragt hat, was hier nicht stimmt bzw. einer rechtlichen Anpassung bedarf. Sie hat zunächst viel verbessert, Teilzeit anerkannt und richtig berechnet, Führungspositionen geschaffen, wobei ihre Auswahl und Menschenkenntnis nicht immer treffend war.

Sie hat eine sehr persönliche Beziehung geschaffen, in der sie aber auch fast unbemerkt viel einforderte. Sehr viele und große Themen wurden über die Jahre geprüft und im Eiltempo umgesetzt. Es gab kaum Zeit eine Sache zu Ende zu denken. Im Nachgang nach Umsetzung waren alle mit Aufräumarbeiten beschäftigt, da kam schon das neue Thema um die Ecke. Wenn andere Unternehmen Jahre brauchten, um etwas einzuführen, haben wir nur wenige Monate gebraucht.

Diese Schnelligkeit und Flexibilität hat uns zur Vorzeigetochter werden lassen. Es waren teilweise so viele Themen, dass ich das Gefühl hatte, nichts richtig zu Ende zu bringen. Abends wusste ich nicht mehr, was ich überhaupt getan hatte. Von den Leistungsträgern hat sie immer mehr eingefordert, die weniger Denkenden hat sie fast brach liegen lassen und je nach Laune und persönlicher Beziehung doch aufsteigen lassen.

Dies führte zu sehr viel Unruhe. Das Betriebsklima war in der letzten Zeit geprägt von Überforderung, Müdigkeit aufgrund der Masse an Themen und auch der Sprunghaftigkeit (es wurde oft auch zurückgerudert). Geführt wurde kaum. Untereinander mussten wir selbst sehen, wie wir klar kommen. Es herrschte fast ein Krieg der Abteilungen. In den Leitungsmeetings wurde es meistens daher sehr persönlich und angriffslustig.

Ein sachlicher Umgang mit Themen hat kaum noch stattgefunden. In den letzten vier Jahren meiner Betriebszugehörigkeit gab es dann auch einen Leiter der Rechtsabteilung. Dieser hat sich jedoch um nichts gekümmert. In drei Jahren fand eine Hand voll Regeltermine mit allen statt. In diesen tauchte er immer gelangweilt auf. Inhaltsleere Termine. Als ich ihm gegen Ende meiner Tätigkeit bei der Firma meine Überlastung anzeigte, reagierte er nicht darauf.

Er meinte nur, ich müsse mich abgrenzen.



Wann hattest du das erste Mal den Gedanken, die Firma verlassen zu wollen?

Nach der ersten Elternzeit. Das Thema Teilzeit wurde mir damals fast übel genommen. Die Aufgabenverteilung nach dem Wiedereinstieg gestaltete sich schwierig. Es wurde nur der „Restmüll“, den keiner bearbeiten wollte, abgegeben. Den Vorgesetzten interessierte es nicht besonders. Mit dem zweiten Kind stellte ich mir dann erneut die Frage, ob ich in der Firma noch richtig war. Die Vernunft hatte entschieden oder auch die Angst als Teilzeit-Juristin und Mutter keine geeignete Stelle zu finden.



Hast du einen Aufhebungsvertrag unterzeichnet? Erzähl, wie war der Ablauf?


Nach einer Dauerschleife des Grübelns habe ich einen Aufhebungsvertrag unterzeichnet und mich für fünf Monate freistellen lassen. Ich habe das Ganze initiiert. Als ich widerspruchsfrei ausgesprochen hatte, dass ich gesundheitlich die Position nicht mehr ausfüllen kann und auch gar nicht mehr will, dachte ich, ich ersticke daran.

Vor dem Treffen mit meiner Chefin musste ich mir einen Gesprächsleitfaden machen, um nicht den Faden zu verlieren, wenn die Emotionen auf mich einstürzten. Sie hat die Beendigung im Erstgespräch fast abgelehnt. Im zweiten Gespräch hat Sie es dann akzeptiert, zumal Sie aufgrund eines Personalabbaus sehr unter Druck stand. Sie wollte mich mit allen Mitteln halten: Position abgeben, Stunden reduzieren, das Arbeiten, was ich möchte.

Es hörte sich zunächst sehr verlockend an, wenn nicht alle Alarmglocken in meinem Körper angesprungen wären. Dieses Gespräch war sehr ruhig, respektvoll. Über die Bedingungen haben wir diskutieren müssen. Hier habe ich einen Kompromiss erzielen können. Ich hatte das Gefühl, dass ich nicht länger pokern, sondern es schnell zu Ende bringen wollte, um nicht auf Abwege zu kommen.



Hast du Klage eingereicht?


Da alles einvernehmlich geschah, gab es keinen Anlass für eine Klage.



Hattest du eine Rechtsschutzversicherung?


Nein.



Wie hast du nach Unterzeichnung des Aufhebungsvertrages reagiert?


Das Gefühl nach der Unterzeichnung des Aufhebungsvertrages war unbeschreiblich. Es prickelte im ganzen Körper. Ich taumelte fast vor Glücksgefühlen, lächelte permanent in mich hinein. Es kam mir nicht real vor. Tagelang habe ich gegenprüfen müssen, ob ich es wirklich getan hatte, da ich diesen Gedanken zuvor so oft durchgespielt hatte und die Umsetzung aber sehr herausfordernd und zeitintensiv war.



Wie hat dein Umfeld reagiert?


Mein Mann hat mich beglückwünscht. Er sagte, ich hätte alles richtig gemacht. Endlich hatte das Ganze ein Ende. Erleichterung war deutlich zu spüren. Zwei gute Freunde waren etwas skeptisch. Überstürze nichts. Nach dem Motto: Echt, du hast dich so unwohl gefühlt? Gibst so einen sicheren und gutbezahlten Job auf. Ging es dir wirklich so schlecht? Scheinbar war es doch ein Super-Job. Ja, seit Monaten rede ich über nichts anderes.

Ist meine Außenwirkung widersprüchlich? Bis mir Menschen abkaufen, dass ich nicht mehr kann… Mein Vater hat mich sehr überrascht. Ich habe es ihm erst nach der Unterzeichnung gesagt und war fast aufgeregt. Zuvor hat er schon des Öfteren geäußert: „Sei vernünftig, tue nichts Unüberlegtes. Dieses Unternehmen verlässt man nicht. Was ist mit dem Firmenauto?“ Letztendlich sind das alles materialistische Grundgedanken.

Es sind seine Existenzängste, dafür versuche ich Verständnis aufzubringen. Dennoch treffe ich meine eigene Entscheidung. Seine Haltung veränderte sich. Plötzlich war er ganz einfühlsam. Meine Gesundheit gehe vor. Als er im Berufsleben stand, gab es auch Momente, in denen er sich nicht wohl gefühlt hat, abgesehen vom Geld. Er brachte damals nicht den Mut auf zu gehen.



Wer wendete sich von dir ab? Wer ist loyal dir gegenüber? Wer förderte dich?


Ich hatte einen sehr loyalen Kollegen, der mich begleitet und beraten hat. Anfangs versuchte er es mir auszureden, weil er meinte ich solle es erst entscheiden, wenn ich mich stark genug fühle. Als er merkte, dass es mir mit dem Ausstieg besser gehen wird, hat er mir alle Infos zukommen lassen, sein Ohr, seine Zeit. Ich bin ihm sehr dankbar dafür und vergesse es nicht.



Wer oder was hat dir in der Situation geholfen?


Mein Mann hat immer zu mir gestanden. Er hatte sehr viel Geduld und hat sich meinen Mist immer wieder angehört. Ich wäre schon längst ausgerastet. Meine Kinder haben mir klar gemacht, was das Wesentliche ist. Dennoch komme ich auch mal vom Weg ab und versuche als Wiederholungstäter Verständnis für mich aufzubringen. Auch meine Eltern und mein Bruder sind für mich da und unterstützen mich.



Hat sich dein Ausstieg aus der Firma angebahnt? Wenn ja, wie?


Rückblickend wollte ich schon lange nicht mehr. Ich habe es immer wieder versucht, körperliche Symptome entwickelt. Es ist sehr anstrengend sich über Jahre hinweg hinzuschleppen und zu begeistern. Mein Rollenspiel war oscarreif, da Kollegen meinten, wie begeistert ich Datenschutz vermittle. Ich hasse Datenschutz. Ich bin ein echter Profi. Wo bleibt mein Wunsch, meine Authentizität?



Wie war dein letzter Arbeitstag?


Nach Monaten der Arbeitsunfähigkeit habe ich einen ganzen Tag auf der Arbeit verbracht, um Themen zu übergeben. Anfangs war ich etwas nervös, aber auch sehr stolz, selbstbewusst. Ich habe mich nur mit denen unterhalten, auf die ich Lust hatte. Nervige Kollegen habe ich einfach stehen gelassen.

Mit meinem Nachfolger habe ich mir viel Zeit genommen und alle Fragen beantwortet. Als wir die Ordner durchgegangen sind, ist mir aufgefallen, was ich in meiner Tätigkeit alles geleistet hatte. So viele Mammutthemen sind über mich gelaufen, ein Lebenswerk, das mit der Zeit entstanden ist. Das war mir nicht bewusst, ich hatte es nicht gesehen.

Es erfüllte mich mit Stolz. Meine Chefin hat immer wieder meine Nähe gesucht, mich beim Arbeiten beobachtet, ihr Bedauern ausgedrückt, sich tausendfach bedankt. Zum Abschied gab es einen großen Blumenstrauß und viele liebe Worte. Das tat sehr gut.









Hast du dich persönlich durch diese Erfahrung verändert? Wenn ja, wie?


In dem Moment fühlte es sich schon sehr befreiend an, auch wenn ich keinen Plan hatte, wie es weiter geht. Instinktiv wusste ich, dass es in meiner Macht liegt, etwas zu verändern. Ich traf die Entscheidung zu gehen, musste es niemandem mehr recht machen, hörte auf mich, vertraute meinem Körper, meiner Seele.

Ich musste nichts durchstehen, nur weil meine Eltern es so vorgelebt hatten. Arbeiten war immer anstrengend, nicht erfüllend, zermürbend. Dabei fühlte ich mich sehr stark, endlich erwachsen und nicht wie ein verängstigtes Kind. Es auszuhalten, dass ich nicht weiß, wie es konkret weiter geht, war ein großer Schritt für mich.



Wie ging es mit dir nach Jobende weiter? Wie hast du die freie Zeit genutzt?


Da ich ein Frühaufsteher bin und die Kinder in die Schule bzw. Kita müssen und mittags bzw. nachmittags heimkommen, ist eine Struktur fast vorgegeben. Ich versuche einen guten Mix. Haushalt, Schule und Verwaltungskram habe ich komplett übernommen. Insgesamt verbrachte ich viel Zeit mit den Kindern und der Familie, traf mich mit Freunden, saß viel in der Sonne.

Es gab Tage, an denen überforderte ich mich auch im Privaten, aber ich merkte es und steuerte dagegen. Zudem habe ich eine NLP- und Coaching Weiterbildung begonnen und mich intensiv mit meinen Vorstellungen, Wünschen und Werten beschäftigt. Was möchte ich eigentlich?



Dein Kontakt mit dem Arbeitsamt: wie war das?


Wegen Corona lief alles online oder per Telefon ab. Beim Ausfüllen des Antrags auf Arbeitslosengeld schossen mir viele Gedanken durch den Kopf. Ich setzte arbeitslos mit nutzlos gleich, fragte mich, wie tief ich denn gesunken sei. Gleichzeitig bezweifelte ich, dass es mir überhaupt zusteht, diese Leistungen in Anspruch zu nehmen.

Schließlich beruhigte ich mich. Natürlich hatte ich einen Anspruch auf Arbeitslosengeld. Schließlich hatte ich ja schon lange ins System einbezahlt und somit auch einen Anspruch darauf. Als ich den Antrag ausgefüllt hatte, ging es mir wesentlich besser.

Ich hatte das große Glück, dass ich eine ganz tolle erfahrene und ausgebildete Vermittlerin beim Arbeitsamt hatte. Sie hat mich sofort auf Möglichkeiten der Weiterbildung und Bezuschussung aufmerksam gemacht. Ich habe mich dort gut aufgehoben und unterstützt gefühlt.



Wie war dein Stresslevel in dieser für dich schwierigen Zeit?


Der Stresslevel war bis zur Unterzeichnung des Aufhebungsvertrages sehr hoch. Ich hatte Angst, war angespannt, grübelte, mir war schwindelig. Aufgrund von Schlafmangel und ständigen Kopfschmerzen war ich sehr unkonzentriert und meinte dies dann durch Nacharbeit auffangen zu müssen. Ich war sehr gereizt, bin explodiert, hab viel geschrien, auch bei den Kindern.



Wie bist du mit Wut umgegangen?


Ich habe geschrien, Atemübungen gemacht und Nordic-Walking. In der Vergangenheit habe ich Wut oft unterdrückt oder sie als solche nicht erkannt.



Haben sich deine Essgewohnheiten verändert?


In der Zeit der Arbeitsunfähigkeit, dort begann schon der Lösungsprozess, habe ich stark zugenommen.



Bist du eher jemand, der die Dinge mit sich selber ausmacht?


Nein, ich spreche viel mit meinem Mann und guten Freunden.



Wie erging es dir auf der Suche nach einem neuen Job während Corona?


Da ich in den letzten Monaten sehr angespannt war, startete ich die Jobsuche nicht sofort, ließ mir 2 Monate Zeit. Es war schon eine Herausforderung für mich, nicht sofort in einen Aktionismus zu verfallen und Existenzangst zu entwickeln. Denn letztere ist nicht real. Ich verhungere nicht.

Gerade vor dem Hintergrund der Pandemie, wo die Stellenausschreibungen weniger sind und die Bewerbungsprozesse schleppend laufend, war die Angst immer wieder mein Begleiter. Insgesamt habe ich 13 Bewerbungen geschrieben und wurde zu 4 Gesprächen eingeladen.

3 Gespräche haben im Erstgespräch online stattgefunden, ein Zweitgespräch persönlich. Eines davon empfand ich als Verhör. Ich spürte kein Interesse an meiner Person, vielmehr Misstrauen. Auch hatte ich das Gefühl, dass meine Antworten nicht von Belang waren und kaum zugehört wurde.

Es wurde die Lücke im Lebenslauf gesucht, auch wenn sie 18 Jahre alt war, wenige Monate dauerte und unspektakulär war. Das Thema Prädikatsexamen oder geforderte Mindestpunktzahl begegnete mir bei öffentlich-rechtlichen Stellen immer wieder. Es wirkte unverständlich, aber auch verletzend, dass 14 Jahre einschlägige Berufserfahrung dann nicht von Belang waren.
Das Thema anspruchsvolle Position und Teilzeit ist mir in zwei Gesprächen sehr deutlich in ablehnender Form begegnet. In einer Situation habe ich es auch kommentiert, gerade wenn es um einen Weltkonzern geht, der mit Vereinbarkeit von Beruf und Familie in Führungspositionen wirbt.

Den Wunsch nach Teilzeit habe ich immer erst am Ende im Gespräch erwähnt, da ich fürchtete, aussortiert zu werden. Auf das Thema Kinder hatte ich (auch wenn es nicht erforderlich ist) bereits im Lebenslauf hingewiesen. In einem anderen Gespräch habe ich sehr viel Wertschätzung für meinen Werdegang erfahren und auch das Gefühl, ich wäre ein Glücksfall. Das Unternehmen hatte sich fast bei mir beworben und ich fühlte mich nicht als Bittsteller.



Wie bist du zum neuen Job gekommen? Erzähl wie ging das vor sich?


Ich hatte mir anfangs Gedanken gemacht, dass ich eine eher „sichere“ Branche wie z.B. Pharma-/Lebensmittelwirtschaft ansteuern möchte, sehr viel Zeit auf die Prüfung des Unternehmens, der Stelle und ihrer Anforderungen verwendet und mich eher zurückhaltend, punktuell beworben.

In diesem Fall habe ich die Bewerbung bei einem gemeinnützigen Verein schneller als sonst und locker weggeschickt, da ich gemerkt hatte, dass ich zu diesem Zeitpunkt gar nicht alles wissen kann und mehr ins Gespräch und Gefühl kommen wollte. Im Vorstellungsgespräch habe ich zu mir gestanden, überzeugt, mich authentisch präsentiert.

Ich war ruhiger als sonst und hatte im Erstgespräch bereits ein sensationelles Gefühl, dass es passt. Das Zweitgespräch mit dem Leiter lief dann noch besser. Ein respektvolles, ehrliches Kennenlernen, ein toller Austausch von Aufgaben und Erfahrungen hat stattgefunden. Ich kann mich nicht erinnern, schon einmal so eine Gesprächsatmosphäre im Bewerbergespräch erlebt zu haben.



Wie war deine Reaktion, als du die Zusage bekommen hast?


Bei diesem Arbeitgeber habe ich mich gesehen, anerkannt und bestätigt gefühlt. Als ich den neuen Arbeitsvertrag unterzeichnet hatte, gab es kurz Freude, aber auch Angst, dass die Entscheidung doch nicht richtig war, es zu früh sein könnte, ich mich erneut verausgaben könnte.

Der gemeinnützige Verein hat sechs Tochtergesellschaften, die gewinnorientiert arbeiten und international verflochten sind. Ich bin dort zuständig für die rechtliche Beratung, Datenschutz und Zivilrecht.



Wie passt der neue Job zu deinem Lebenskonzept?


Ich denke, dass sich die vereinbarte Teilzeit mit meinen Interessen, meinen familiären Aufgaben und Freuden gut vereinbaren lässt. Hinzu kommt auch noch, dass meine Eltern immer mehr auf Hilfe angewiesen sind. Das Thema Pflege wird bald kommen.



Das Jahr 2020: welche Schlagwörter beschreiben deine berufliche Situation?


Erschöpft, überfordert, Rollenspieler, Halte durch…Neustart und Zuversicht



Welche Werte sind dir in der Berufswelt wirklich wichtig? Was geht gar nicht?


Für mich sind Respekt, Ehrlichkeit, Loyalität, Weiterentwicklung, Transparenz und der Teamgedanke sehr wichtig. Was gar nicht geht sind Intrigen, Verrat, Informationen zurückhalten, Teilzeit-/Frauen benachteiligen und um Jahre zurückwerfen



Was würdest du heute anderen raten, die in eine solche Situation kommen?


Ruhe zu bewahren, reflektieren, aber nicht alles zerlegen. Letzteres füttert die Angst und lähmt einen fast. Sich zutrauen, die Entscheidung selbstbestimmt zu treffen und nicht den Umständen ausgeliefert zu sein. Für sich einzustehen und zu kämpfen. Sonst tut es keiner.



9 Monate nach Unterzeichnung des Aufhebungsvertrages: wo stehst du jetzt, im Ablösungsprozess von der alten Firma?


Mein Unterbewusstsein wusste schon lange, dass es richtig war zu gehen und insgesamt habe ich damit abgeschlossen. Die Angst hat sich immer mal wieder aufgebäumt und es gab Rückschläge. Als ich nicht sofort im Anschluss an die Freistellung einen Traumjob hatte, gab es sehr kritische Stimmen in mir, die die Entscheidung verurteilten.

Oder als ich merkte, dass ich vom Gehalt her Rückschritte machen werde oder auf einen Firmenwagen verzichten muss. Aber das sind keine „echten Hindernisse“, da ich mich auf einem sehr hohen Niveau bewege und keine Existenznöte drohen. Inzwischen habe ich ganz viel Wut losgelassen, auch Unsicherheit. Dennoch weiß ich, dass Angst und Unsicherheit, gepaart mit Perfektionismus, immer mein Begleiter sein werden.
Ich stehe zu mir, sehe meinen Ausstieg aus der Firma nicht als Versagen an, sondern als mutigste Entscheidung überhaupt. Ich traue mich jetzt mehr, meine Wünsche auszusprechen. Ich habe mich für die NLP-Weiterbildung und für eine Coaching-Ausbildung angemeldet. Natürlich kommen auch Zweifel hoch.

Warum gibst du so viel Geld aus und was ist deine Motivation? Willst du deine Kompetenzen so ausbauen, dass die Angst/Unsicherheit verschwindet? Das wird nie passieren, aber Tools zu lernen, die mir Spaß machen, kann nicht falsch sein. „Um-Zu-Denke“ oder „Kosten-Nutzen-Analyse“ will ich versuchen mal auszublenden.

Die Resonanz in meinem Umfeld war entweder bombastisch positiv oder sehr kritisch nach dem Motto: „ Zündest du jetzt ständig Räucherstäbchen an und bist auf dem Esoterik-Trip? Oder fängst du an, Menschen zu manipulieren?“ Auch für die Unwissenden versuche ich Verständnis aufzubringen und mich nicht verunsichern zu lassen.



Welche weiteren neuen Erkenntnisse gibt es?


Es gefällt mir zu Hause zu sein. Eine ganz neue Erfahrung. Mein Mann hatte mal vor kurzem geäußert, dass er nie gedacht hätte, dass ich entspannt zu Hause sein könnte und mich dabei wohl fühle, da ich ja sonst eine Getriebene bin. Untätig bin ich jedoch auch zu Hause nicht.

Auch das ist eine Eigenschaft, die mich begleiten wird. Auf den Stresshöhepunkten hatte ich Angst, alleine mit den Kindern zu sein. Wenn die Kita zu hatte oder mein Mann beruflich ein paar Tage weg musste, bin ich fast eingebrochen. Meine Mutter ist dann oft gekommen, als sie es noch konnte. Jetzt macht es mir nichts aus.



Was hast du mitgenommen aus dieser Zeit des beruflichen Umbruchs?


Trau dich, Vertraue dem Leben, sei zuversichtlich! Sei mutig, auch wenn du nicht weißt, wie es im Detail weitergeht. Nichts ist schlimmer als jeden Tag durchzustehen, sich ins Wochenende oder den nächsten Urlaub zu retten. Von der Maskerade so erschöpft zu sein, dass man kaum sprechen, klar denken kann. Der finanzielle Aspekt bietet da nur kurzfristig Trost und Sicherheit.



Meine Marke heisst: „Ich wurde gefeuert – zum Glück“ Was ist dein Glück?


Glück ist für mich, schmerz- und schwindelfrei zu sein.
Glück ist für mich, Menschen um mich herum zu haben, die emphatisch sind, mir aber auch die Meinung geigen.
Glück ist für mich, zu erkennen, dass alles möglich ist und dass ich der Steuermann bin.
Glück ist für mich, mein Leben so zu führen, wie ich es möchte, frei zu sein, niemandem gefallen zu müssen.
Glück ist für mich, mich immer wieder zu trauen, auch unpopuläre, angstmachende Entscheidungen zu treffen, nicht perfekt zu sein.



Inzwischen hast du deinen neuen Job angetreten. Wie waren die ersten Tage?


Ich war sehr angespannt und neugierig, wurde sehr von meinem neuen Chef, HR und Kollegen willkommen geheißen. Die schlechten Erfahrungen, die ich bei der letzten Arbeitsstelle gemacht habe, kamen wieder hoch. Die Herausforderung in den nächsten Wochen wird sein, mich meinen Ängsten zu stellen und dem neuen Arbeitgeber und mir selber eine Chance zu geben.



Was möchtest du abschließend noch mitteilen?


Den Wert und Entwicklungsschub einer schmerzhaften Erfahrung erkennt man erst sehr zeitverzögert im Nachhinein. Auch wenn ich stolpere, hinfalle, Ehrenrunden drehe, höre ich nicht auf daran zu glauben, dass alles gut wird.  

Danke.

Hat dir der Artikel gefallen? Lust auf mehr? Am 24.6. um 17 Uhr gebe ich wieder ein Buchgeplauder „Gekündigt – zum Glück!“ Wir sprechen darüber, wie Menschen in berufliche Krisen geraten, was es mit ihnen macht und wie sie letztendlich wieder gestärkt aus der Phase des beruflichen Umbruchs hervorgehen. Das Buch geht jedoch noch viel weiter. Wir stehen am am Anfang von Industrie 4.o.

Die Arbeitswelt steht vor einem tiefgreifenden Umbruch. Berufliche Veränderungen werden in den kommenden Jahren verstärkt zum beruflichen Alltag gehören. Gerade deshalb soll dieses Buch dazu beitragen Jobverlust nicht als Makel zu sehen. Es geht darum das Thema Kündigung zu enttabuisieren und den Menschen Mut zu machen.

Alle Infos und Anmeldung hier:

https://www.eventbrite.de/e/buchgeplauder-gekundigt-zum-gluck-tickets-156650637273









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