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Jobglück trotz Coronakrise


Qualifizierte Berufseinsteigerin gerät in Arbeitslosigkeit und macht Karrieresprung


Interview mit Melanie L., 29, Controllerin


Ihr Lebenslauf liest sich ohne Fehl und Tadel. Zügig hat sie nach ihrem Abitur BWL studiert. Danach folgt noch ein Masterstudium im Bereich Management, welches sie mit Bravour abschließt. In ihrer Freizeit ist sie zudem ehrenamtlich engagiert. Melanie L. ist jung, strebsam und flexibel, also eine ideale Kandidatin für viele Arbeitgeber. Mit Mitte zwanzig kommt die Berufseinsteigerin nach ihrem Masterstudium bei einem mittelständischen Unternehmen unter.

Die ersten zwei Jahre ist sie als Einkaufscontrollerin tätig und verantwortlich für Materialkostenauswertungen, das globale Reporting, Tracking von Jahrespreisverhandlungen, Produktkostenoptimierungen sowie für die Materialkostenplanung. Dann wechselt sie ins Vertriebscontrolling und ist für das monatliche Umsatzreporting sowie für Angebotskalkulationen zuständig.

Sie fühlt sich in der Firma zwar wohl und versteht sich auch mit den Kollegen gut, die Arbeit an sich ist jedoch überhaupt nicht zufriedenstellend. Die aufstrebende Akademikerin ist nie richtig ausgelastet, der Job sehr eintönig. Sie bekommt keine Verantwortung und wenig Wertschätzung. Nach fast drei Jahren in der Firma wird umstrukturiert. Melanie L. gehört zu den Verlierern. Sie wird zusammen mit einem Viertel der Belegschaft gekündigt.


Wie kam es zum Jobende?


Die Firma hat beschlossen, einen Teil der Mitarbeiter betriebsbedingt zu kündigen, da die Stellen in ein neues Werk ins Ausland verlagert wurden.


Wie war der Ablauf der Kündigung?


Die Nachricht, dass es Kündigungen geben wird, gab es bereits einige Monate zuvor. Kurz vor Jahresende wurden dann Mittwochmorgens Gesprächseinladungen per Mail an die betroffenen Mitarbeiter verschickt. Bei jeder Nachricht, die kam, zuckte ich zusammen. Nach und nach ist durchgesickert, dass es im Controlling fünf Mitarbeiter treffen wird. Mein Chef war in diesen Tagen leider auf einem Workshop.

Als wir Donnerstagmittag immer noch nichts gehört hatten und nervlich schon am Ende waren, hat jeder einzelne Mitarbeiter beim Vorgesetzten angerufen. Er hat uns dann entsprechend mitgeteilt hat, wer betroffen ist. Im weiteren Tagesverlauf kam dann auch die offizielle elektronische Nachricht hierzu. Einen Tag später fand das Trennungsgespräch statt, bei dem der angebotene Aufhebungsvertrag besprochen wurde.

Anschließend hatte ich vier Wochen Zeit, diesen zu unterschreiben. Hätte ich dies nicht getan, hätte die betriebsbedingte Kündigung gegriffen.


Wie hast du reagiert?


Ich war natürlich enttäuscht. Allerdings hatte ich schon von Anfang an vermutet, dass ich dabei sein werde. Im Herbst wurden schon Einkaufs- und Vertriebscontroller im ausländischen Werk eingestellt, wodurch mir immer klarer wurde, dass es bei dieser Firma für mich keine Zukunft mehr gibt. Als ich aber Gewissheit hatte, war die Enttäuschung dennoch da.

Die stärkste Emotion in diesem Moment war Traurigkeit, dass ich zukünftig nicht mehr mit meinen Kollegen zusammenarbeiten kann.


Wie hat das Umfeld reagiert?


In meinem Umfeld war niemand direkt von dem Wegfall meines Arbeitsplatzes betroffen. Meine Familie und Freunde standen immer hinter mir und haben mich aufgebaut.


Wer wendete sich von dir ab? Wer profitierte davon, dass du gehst?


Es hat sich niemand von mir abgewandt. Meine Familie und Freunde stehen immer hinter mir. Profitiert haben in diesem Fall die ausländischen Kollegen, die meine Stelle übernommen haben.

Wobei auch diese sich eher schlecht gefühlt haben. Ihnen war nicht bewusst, dass dafür andere gehen müssen.


Wie gingst du mit der Situation um?


Ich habe mich sofort bei verschiedenen Personalvermittlern gemeldet, habe meine Bewerbungsunterlagen aktualisiert, bin auf Stellensuche gegangen und habe viele Bewerbungen geschrieben.

Es gab natürlich immer wieder Rückschläge dabei. Allerdings gehe ich davon aus, dass alles im Leben irgendeinen Sinn hat und das Vertrauen darauf hat mich immer wieder gestärkt.


Wer oder was hat dir in der Situation geholfen?


Meine alte Firma hat mich bei der beruflichen Neuorientierung unterstützt, was mir sehr geholfen hat. Zum einen aufgrund des Austauschs mit anderen Kollegen, die das gleiche Schicksal teilten.

Zum anderen hinsichtlich Informationen zum gesamten Bewerbungsprozess (Gestaltung Bewerbungsunterlagen, Interviewfragen usw.).


In wie weit hat sich die Corona-Pandemie ausgewirkt?


Mein Jobverlust ereignete sich genau in dem Zeitraum, als die Corona-Pandemie über uns alle hereinbrach und der erste Lockdown stattfand. Viele Unternehmen reagierten darauf. Es gab generell keine große Auswahl an Stellen. Gespräche liefen meist nur über Microsoft Teams oder ähnliche Programme ab und waren somit unpersönlicher.

Zudem haben einige Firmen während des Bewerbungsprozesses beschlossen, dass doch keine Neueinstellungen stattfinden dürfen. Wo ich mir Chancen erhofft hatte, gab es dann doch nur Enttäuschungen.


Wie war dein letzter Arbeitstag?


Mein letzter Arbeitstag war leider etwas trist. Dank Corona haben sich zu diesem Zeitpunkt alle im Homeoffice befunden. Somit hatte ich nicht mal die Chance mich persönlich von meinen Kollegen zu verabschieden.


Wir hatten stattdessen morgens noch ein Team-Meeting über Skype, in dem ich mich bei allen bedankt hatte. Ich habe noch eine Abschieds-Mail an alle Kollegen geschickt und dann war ich weg.


Hast du Klage eingereicht?


Nein.


Hattest du eine Rechtsschutzversicherung?


Ja, allerdings habe ich diese nicht benötigt. Ein Freund ist Anwalt und hat den Aufhebungsvertrag angeschaut. Er hat mir auch empfohlen, diesen zu unterschreiben.


Wie war dein Chef? Wie ist die Machtstruktur in der Firma?


Meinen direkten Chef (Abteilungsleiter) habe ich sehr geschätzt. Er war sowohl fachlich als auch menschlich super. Es gab einen asiatischen CEO, der alles im Unternehmen bestimmt hat. Für die Mitarbeiter hatte es den Anschein, dass die jeweiligen Bereichsleiter nicht allzu viel zu sagen hatten. Dementsprechend war auch die Führungskultur. Ein Abteilungsleiter hatte sehr wenig Mitspracherecht.

Es kam einem als Mitarbeiter fast diktatorisch und sehr intransparent vor. Das Betriebsklima war seit der Übernahme eines ausländischen Finanzinvestors nicht gut. Es gab eine hohe Fluktuation und zunehmende Unzufriedenheit bei einzelnen Mitarbeitern. Als die Kündigungswelle an meinem Standort bekannt wurde, war das Betriebsklima am Tiefpunkt.


Wie ging es mit dir dann weiter?


Nach der Unterzeichnung des Aufhebungsvertrages war ich noch wenige Monate für die Firma tätig. In dieser Zeit habe ich natürlich viele Bewerbungen geschrieben, aber versuchte auch die Zeit zu genießen. Aufgrund von Corona konnte man leider nicht reisen, weshalb ich zuhause das Beste aus der Situation machen musste.

Ich habe viel Sport gemacht, traf mich mit Freunden oder Familie und war viel in der Natur. Glücklicherweise habe ich nach anderthalb Monaten in der Arbeitslosigkeit einen neuen Job im Vertriebscontrolling gefunden, in dem ich zwei Wochen später auch schon anfangen konnte.


Wie erging es dir auf der Suche nach einem neuen Job?


Ich habe mich bei verschiedenen Vermittlungsfirmen gemeldet und selbst viele Bewerbungen geschrieben. Stellen habe ich auf den bekannten Online-Jobportalen gesucht oder auch bei einzelnen Firmen direkt auf der Homepage.


Wie viele Bewerbungen hast du geschrieben?


Ich habe 42 Bewerbungen geschrieben. Davon durfte ich mich bei 16 Firmen vorstellen. Die Zusage hatte ich letztendlich nur bei einer Firma.


Wie bist du zu deinem jetzigen Job gekommen?


Ich habe mich auch bei einer Firma beworben, bei der ich schon mal einen Produktionsjob ausgeübt hatte. Der Betrieb befindet sich ganz in der Nähe meines Wohnorts. Schon 1 Woche später wurde ich zum Vorstellungsgespräch per Teams eingeladen. Dieses verlief positiv und schon einen Tag später erhielt ich die Zusage zu einem Zweitgespräch.

Dafür musste ich eine 60-minütige Präsentation vorbereiten, wie ich mir die ersten 100 Tage im neuen Job vorstelle. Das Gespräch dauerte mit Zwischenfragen insgesamt zweieinhalb Stunden, in dem ich ganz schön durch die Mangel genommen wurde. Glücklicherweise konnte ich mich durchsetzen und habe auch hier wieder einen Tag später die Zusage zu einem Probetag erhalten, welcher eine Woche später stattfand.

Hier konnte ich das Team und die Kollegen kennenlernen und auch schon Einblicke in die Aufgaben erlangen. Am Ende des Tages hatte ich dann die Zusage für den Job, in dem ich wiederum eine Woche später starten konnte. Der Bewerbungsprozess bei meinem zukünftigen Arbeitgeber war also insgesamt sehr kurzweilig ohne großes Warten und somit angenehm.


Welche Schlagwörter beschreiben bestenfalls deine Jobsituation in 2019/20?


Kündigung, Arbeitslosigkeit, Neubeginn, Glück.








Welche Werte sind dir in der Berufswelt wirklich wichtig? Was geht gar nicht?


Wichtig sind mir Respekt, Transparenz, Offenheit, Freundlichkeit, Teamwork und Wertschätzung. Gar nicht geht für mich Egoismus, Intransparenz und gegenseitige Schuldzuweisungen


Wie war dein Stresslevel in dieser für dich schwierigen Zeit?


Mein Stresslevel war mit Sicherheit höher, da diese Zeit so unsicher und ungewiss war.


Bist du eher jemand, der die Dinge mit sich selber ausmacht?


Ich mache sehr viel mit mir selbst aus, habe aber in diesem Fall auch offen über das Thema mit Freunden, Familie oder auch nur Bekannten gesprochen.


Was war die stärkste Emotion?


Die Angst, keinen neuen Job zu finden.


Haben sich deine Essgewohnheiten verändert?


Nein.


Wie hast du den Tag verbracht?


Ich habe mir für jeden Tag eine Aufgabe vorgenommen, die ich am Ende des Tages erledigt haben wollte. Ansonsten habe ich mir den Tag frei eingeteilt wie ich wollte.


Was ging schwer im Alltag?


Es fiel mir oftmals nicht leicht mich aufzuraffen, Bewerbungen zu schreiben oder mich auch für Gespräche vorzubereiten.


Wie bist du mit Wut umgegangen?


Ich habe in der Zeit viel Sport gemacht und mich mit Freunden und Familie getroffen, die mich immer aufgebaut haben. Eine richtige Wut hatte ich allerdings nie in mir.


Wie haben sich die Emotionen im Zeitverlauf verändert?


Meine Enttäuschung und Trauer haben sich tatsächlich fast in Dankbarkeit und Glück gewandelt.

Mir ist immer mehr bewusst geworden, dass ich mich im alten Job zwar sehr wohl gefühlt und Freundschaften aufgebaut hatte, mich die Arbeit an sich jedoch überhaupt nicht zufriedengestellt hatte.


Wo stehst du jetzt im Ablösungsprozess von der alten Firma?


Ich für mich habe mit der alten Firma komplett abgeschlossen. Es gibt natürlich immer wieder Momente, an die ich denke oder Personen, die ich vermisse.

Allerdings halte ich mit meinen engsten Kollegen den Kontakt und treffe mich regelmäßig mit ihnen.


Was hast du mitgenommen aus dieser Zeit?


Arbeitsseitig habe ich mitgenommen, dass man sich im Job natürlich reinhängt, man sich davon aber nicht kaputt machen lassen sollte, da es einem im Zweifel nicht gedankt wird.

Aus der Phase danach habe ich mitgenommen, dass man immer nach vorne schauen muss und offen für Neues sein sollte.


Hast du deine Entscheidung zu gehen rückblickend bereut?


Da ich gehen musste, war es nicht meine eigene Entscheidung. Aber dennoch habe ich es definitiv nicht bereut.


Hast du dich persönlich durch diese Erfahrung verändert? Wenn ja, wie?


Ich denke, dass dies sicherlich eine Erfahrung ist, die mich persönlich weitergebracht hat. Die Enttäuschung des Jobverlusts, die Rückschläge im Bewerbungsprozess…diese Dinge haben meine Persönlichkeit mit Sicherheit gestärkt.


Was würdest du heute anderen raten, die in eine solche Situation kommen?


Ich rate jedem sich nicht hängen zu lassen oder in Selbstmitleid zu versinken, sondern die Situation als Chance zu sehen. Irgendwann wird man einen neuen Job finden, in dem man vielleicht sogar viel zufriedener ist.









Wie ist es jetzt im neuen Job? Was ist anders?

Ich fühle mich extrem wohl und habe mich schon komplett eingelebt. Das Team ist sehr jung und aufgeschlossen und hat mich vom ersten Tag an sehr freundlich aufgenommen und integriert. Mein Chef ist fachlich als auch menschlich top und steht immer hinter mir. Ich wurde gleich in viele verschiedene Themen eingearbeitet und habe Verantwortung übernommen.

Es befindet sich vieles im Aufbau, wodurch ich auch selbst sehr viel mitgestalten kann. Ich werde also endlich gefordert und gefördert. Meine Arbeit wird zudem extrem wertgeschätzt. Ich bin nun vier Monate im neuen Job und es fühlt sich an, als ob ich schon 2 Jahre dort bin, da ich schon so integriert bin. Ich hatte hier definitiv unfassbares Glück.

Ohne die Kündigung hätte ich diese Stelle vermutlich nie gesehen, weshalb ich nun fast dankbar dafür bin. Das Sahnehäubchen ist der viel kürzere Fahrweg, durch den ich mindestens eine Stunde am Tag mehr Freizeit habe.


Hast du dich mit dem neuen Job karrieretechnisch verbesserst?


Dies ist jetzt meine zweite Stelle nach dem Studium. Ich würde schon sagen, dass ich mich verbessert habe.

An meinem neuen Arbeitsplatz lerne ich schon viel mehr, was mich weiterbringt und habe eben auch schon mehr Verantwortung als vorher.


Meine Marke lautet: „Ich wurde gefeuert – zum Glück“ Was ist dein Glück?


Diesen Satz kann ich nur bestätigen. Mein Glück ist ein toller, neuer Job für den ich unendlich dankbar bin. 


 

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